Die Schere zwischen tariflicher und tatsächlicher Arbeitszeit öffnet sich immer weiter und zwar deutlich über das Mass der bekannten Überstunden hinaus (siehe Schwarzarbeit - Grauarbeit). Diese dauerhafte Mehrbelastung erhöht auch - einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zufolge - das Risiko einer Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Erkrankung deutlich.
Diese Problematik verschärft sich noch dadurch, dass es immer schwerer wird, überhaupt festzustellen, wie hoch die tatsächliche Belastung ist, also beispielsweise wie lange wirklich gearbeitet wird.
Verantwortlich dafür ist einmal die von vielen Unternehmen derzeit vehement propagierte sogenannte Vertrauensarbeitszeit, die im Endeffekt dazu führt, dass Mehrarbeit überhaupt nicht mehr dokumentiert wird. Ganz geschickt wird dies den Mitarbeitern damit "verkauft", daß statt der althergebrachten Kontrolle nun "Vertrauen" herrschen soll. Dabei wissen die Arbeitgeber ganz genau, daß dadurch dann natürlich nicht weniger, sondern mehr gearbeitet wird - nur eben nicht mehr erfasst (und natürlich auch nicht bezahlt).
Zum zweiten ist für die steigende Mehrarbeit ein neuer Management-Trend verantwortlich, der darin besteht, immer mehr unternehmerische Verantwortung auf kleinste Unternehmenseinheiten zu übertragen. Was dabei auf der einen Seite von den Betroffenen als ein Schritt zu mehr Selbstständigkeit und Autonomie empfunden und begrüsst wird, bedeutet auf der anderen Seite allerdings einen enorm wachsenden Druck.
Denn anders als öffentlich behauptet, ist diese neue "Freiheit" kein wirklicher Verzicht auf Kontrolle und Abhängigkeit, sondern nur das Ersetzen von "Befehl und Gehorsam" durch das Prinzip der indirekten Steuerung. An die Stelle klarer und kontrollierter Leistungsvorgaben treten "unternehmerische" Ziele, die genau so bemessen sind, dass sie gerade eben, aber nicht von allen erreicht werden können. Der Effekt ist dann vor allem der, dass die Beschäftigten sich den Druck, den sie früher "bekommen" haben, nun selber machen.
Die Gewerkschaften müssen diesem rein "kapitalistischen" Denken Leitbilder für eine menschlichere Arbeitsgestaltung entgegen setzen, die auch an Gesichtspunkten wie dem "Wohlbefinden" orientiert sind. Dies wird eine der ganz wichtigen Aufgaben der nächsten Zukunft sein.