Immer wieder der Ladenschluss...
 

Ob das legendäre Sommerloch daran Schuld war, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls verging in den vergangenen Wochen kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht vom Ladenschluß, bzw. vom Versuch, ihn zu beseitigen, die Rede war.

Den vorläufigen Schlußpunkt hinter diese leidige Debatte setzte jetzt der Bundeskanzler mit seiner Ankündigung, das Thema in diesem Jahr nicht mehr behandeln zu wollen. Ob dies jetzt ein Zugeständnis an die Gewerkschaften ist, quasi als Gegenleistung für deren Stillhalten bei der Rentenreform, wie manche munkeln, oder einfach die Entscheidung, ein ungeliebtes Thema noch ein Weilchen zu verschieben, kann jeder für sich entscheiden. Fakt ist: für dieses Jahr ist das Thema tot, aber wir können gewiß sein, daß es spätestens zum nächsten Sommerloch wieder hochkommen wird. Deshalb ein paar Fakten zum Thema.

Keine Zeit zum Einkaufen

Das gültige Ladenschlußgesetz von 1996 erweiterte die möglichen Ladenöffnungszeiten von Montag bis Freitag bis 20.00 Uhr und an Samstagen bis 16.00 Uhr. Ungeachtet langer Samstage vor Weihnachten und verschiedener Sonntagsöffnungen könnten damit die Läden an insgesamt 80 Stunden in der Woche geöffnet sein. Bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit in Deutschland von unter 40 Stunden hat damit jeder Verbraucher mindestens 40 Stunden in der Woche Zeit, um einzukaufen. Selbst absolut süchtige Einkaufs-Junkies müssten damit eigentlich zurechtkommen können.

In der Praxis werden diese möglichen Ladenöffnungszeiten jedoch überhaupt nicht ausgenutzt. Nur wenige Kaufhäuser oder Einkaufszentren - meist in direkter City-Lage oder auf der "grünen Wiese" - haben wirklich täglich bis 20 Uhr (bzw. Samstags bis 16 Uhr) geöffnet. Der große Rest schließt nach wie vor früher.

Längere Öffnungszeiten bringen mehr Umsatz

Dieses beliebte Argument der Befürworter eines geänderten, bzw. ganz abgeschafften Ladenschlußes geht von der Fiktion aus, die Verbraucher hätten massenhaft Geld, das sie auch mit Begeisterung ausgeben würden, wenn sie nur die Möglichkeit dazu hätten. So prognostizierte das ifo-Institut vor der letzten Änderung des Ladenschlußgesetzes: "Es ist mit einem zusätzlichen Marktpotential in Höhe von 20 Mrd. DM zu rechnen, das dem Einzelhandel in einem Zeitraum von etwa drei Jahren Umsatzsteigerungen in der Größenordnung von 2 bis 3 % erlauben würde."

In der Praxis sah und sieht es allerdings etwas anders aus. Der Einzelhandelsumsatz hat sich eben nicht erhöht, er ist im ersten Jahr der längeren Öffnungszeiten (1997) sogar um 0,9 % gesunken. Denn Fakt ist doch, daß jedem nur eine begrenzte Menge Geld zur Verfügung steht, die er auch nur einmal ausgeben kann. Und der Umsatz, der am Abend gemacht wird, wird eben dann am folgenden Morgen nicht gemacht. Den Menschen fehlt nicht die Zeit zum Einkaufen, sondern das Geld!

Längere Öffnungszeiten schaffen Arbeitsplätze

Hand in Hand mit dem Versprechen von mehr Umsatz geht auch immer das Versprechen, längere Öffnungszeiten würden mehr Arbeitsplätze schaffen. So verkündeten die Befürworter einer Liberalisierung, allen voran der damalige FDP-Wirtschaftsminister Rexrodt noch anno 96, die verlängerten Öffnungszeiten würden rund 50.000 neue Arbeitsplätze schaffen.
Auch hier hat sich jedoch die Praxis leider nicht an die Theorie gehalten. Statt daß neue Arbeitsplätze entstanden wären, wurden in den vergangenen vier Jahren im Einzelhandel rund 130.00 Arbeitsplätze abgebaut. Und dieser Abbau geht kontinuierlich weiter. Im ersten Halbjahr 2000 ging die Zahl der Arbeitsplätze im Handel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um weitere 1,4 % zurück, und ein Ende dieses Trends ist nicht abzusehen.

Ist ja auch nur logisch: längere Öffnungszeiten führen zunächst mal zu höheren Fixkosten, und da beim derzeitigen Verdrängungswettbewerb auf dem Markt ein Abwälzen auf den Preis kaum möglich ist, müssen diese höheren kosten über entsprechende Einsparungen wieder aufgefangen werden; und wo lässt sich schon besser sparen, als beim Personal ?

Alles im Interesse des Kunden

Zu den vehementesten Befürwortern eines ganz abgeschafften Ladenschlußes gehören vor allem auch die Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels, allen voran die Discounter und die Märkte auf der grünen Wiese. Hört man ihnen zu, geht es ihnen natürlich niemals um ihren Profit, sondern immer nur um den Kunden. Wer das allerdings glaubt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.

Fakt ist, daß im Kampf um Marktanteile, sprich: Verdrängung der Konkurrenz, neben der Verkaufsflächenexpansion und einer aggressiven Preispolitik immer stärker auch die Öffnungszeit eingesetzt wird. Die längeren Öffnungszeiten haben insgesamt zu nicht mehr Umsätzen geführt. Aber angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs sind die dadurch ausgelösten Umsatzverlagerungen existenzbedrohend für die Verlierer: kleinere Innenstädte, Stadtteile, ländliche Gebiete, kleinere Läden. Die Konzerne nutzen die Öffnungszeiten als zusätzliches Mittel im Verdrängungswettbewerb gnadenlos aus, verschärfen damit den Konzentrationsprozeß hin zu wenigen großen Konzernen und beschleunigen den Niedergang des mittelständischen Einzelhandels.

Ist es im Interesse des Kunden, wenn immer mehr kleine Läden schließen müssen, weil sie einfach nicht mehr mithalten können? Wenn man um ein halbes Pfund Butter zu kaufen, einige Kilometer zum Supermarkt fahren muß, statt in den Laden um die Ecke gehen zu können? Mit Kundeninteresse oder gar Kundenfreundlichkeit hat das mit Sicherheit nichts zu tun - hier geht es nur um den Profit und sonst um gar nichts.

Die Ideologisierung der Debatte

Betrachtet man es einmal ganz nüchtern, so ist das Ladenschlußgesetz entstanden als eine Art gesellschaftlicher Kompromiß unter Abwägung verschiedener Interessen und Überlegungen:

Doch auf dieser nüchternen Ebene wird die Debatte bei uns nicht geführt. Liest man die deutsche Presse, so erfährt man, daß es darum gehe, ein "veraltetes Relikt" endlich abzuschaffen, ein "Denkmal deutscher Unbeweglichkeit" und ein "Hemmnis auf dem Weg zu einem einheitlichen Europa". Es geht um nichts weniger als "die bürgerliche Selbstbestimmung" einerseits, gegen ein "Symbol deutscher Regulierungswut" andrerseits. Also wieder mal "Freiheit oder Sozialismus", diesmal ausgerechnet beim Ladenschluß. Ähnlich wie bei der unsäglichen "freien Fahrt für freie Bürger" wird hier eine simple Kontroverse dermaßen ideologisch überfrachtet, daß eine sachliche Diskussion überhaupt nicht mehr möglich ist. Die Zukunft Deutschlands, ja der freien Markwirtschaft wird davon abhängig gemacht, ob man nach 20 Uhr noch irgendwo einen Liter Milch kaufen kann. Logisch nachvollziehbar ist diese Debatte jedenfalls nicht mehr.

Und was denken die Verbraucher ?

Nachdem ökonomische Gründe ausgedient haben und auch die Haltung der Händler nicht eindeutig ist, soll nunmehr allein die vermeintliche Akzeptanz bei den Verbrauchern für eine Ausweitung der Ladenschlußzeiten herhalten. Doch auch da ist die Stimmung keineswegs eindeutig. Dreiviertel der Kunden sind mit den Öffnungszeiten am Samstag, weit über 80 Prozent mit den Öffnungszeiten in der Woche zufrieden, wie die bisherigen Gutachten und Umfragen belegen. Und nur wegen 16 Prozent der Bevölkerung, die sich längere Öffnungszeiten wünschen, einen bewährten und sinnvollen Kompromiß über den Haufen werfen, und damit gleichzeitig die Arbeitszeiten von rund drei Millionen im Handel Beschäftigten drastisch verschlechtern, scheint mir doch recht überzogen.

Persönliches Nachwort

Ich bin berufstätig, und meine Frau ebenso. Trotzdem haben wir es bisher immer ohne größere Probleme geschafft, während der normalen Ladenöffnungszeiten unsere Einkäufe zu tätigen. Und wenn ich abends noch weggehe, dann ganz bestimmt nicht, um irgendwo einzukaufen, da weiß ich mit meiner Freizeit wahrlich besseres anzustellen. Das ganze Gerede vom "Erlebniskauf" und ähnlichen Unfug kann ich sowieso schon lange nicht mehr hören. Wenn ich etwas erleben will, gehe ich in ein Konzert, oder ins Kino oder auch einfach nur in eine nette Kneipe, das macht allemal mehr Spaß, als in einem noch so tollen Laden zu stehen.

Deshalb meine Bitte an Nessy (das gute alte Ungeheuer vom Loch Ness): Zeig dich endlich mal wieder, damit die Zeitungen im nächsten Sommerloch hoffentlich mal was anderes zu schreiben haben.

11.9.2000